Fakten gegen Vorurteile #1 – „Über ROT“

Rubriken: facts&fancy

Kurz und knapp:

Mit dem von Peter Ramsauer geprägten Begriff "Kampfradler" werden seit Jahren selbstbewusste Radfahrende beschimpft und als gefährliche Regelverletzer des Straßenverkehrs gebrandmarkt. Tatsächlich verhalten sich statistisch Radfahrende wesentlich regelgetreuer als PKW fahrende Zeitgenossen! Der ideologische Begriff hat klar und alleinig die Funktion, höchst berechtigte Forderungen an eine radverkehrssensible Verkehrspolitik abzuwehren. Das muss ein Ende haben!

Intro

Im ersten Teil unserer Reihe beschäftigen wir uns mit dem politischen Nachlass von Peter Ramsauer (Bundesverkehrsminister 2009 – 2013, CSU). Lange Pause – war da was? Eigentlich nicht, aber in der Tat hat Ramsauer die Wortschöpfung einer wilden Plakataktion im Prenzlauer Berg [1] durch intensiven Gebrauch derartig geadelt, dass sie noch heute immer wieder auftaucht, wenn es um Menschen auf Fahrrädern geht:

„Kampfradler“

Was steckt hinter diesem Begriff? Was soll er bedeuten? Und inwiefern lässt sich der Begriff überhaupt rechtfertigen – immerhin wird versucht eine nicht unerhebliche Gruppe von Verkehrsteilnehmern mithilfe von Framingtechnik in eine bestimmte Ecke zu stellen.

Blickwinkel

Trotz Framing verstehen Menschen unter der Wortschöpfung Kampfradler oder Kampfradeln Verschiedenes. So beklagt oben genannter Verkehrsminister eine angebliche Verrohung und fehlende Regeltreue – dazu später mehr – der Fahrradfahrenden[2], während bekennende Kampfradler ihre Regelverstöße damit begründen, dass ihnen beispielsweise der benutzungspflichtige Radweg zugeparkt wird und sie sich daher regelwidrig auf die Fahrbahn begeben müssen. In gewissen Situationen erhöht es sogar die eigene Sicherheit sich eben über Regeln maßvoll hinwegzusetzen. „Kampfradeln heißt aber auch, seine Rolle als Radler bewusst und offensiv anzunehmen.“[3] Weiterhin beklagen sie im Kanon mit dem ADFC die wenig auf das Fahrradfahren ausgerichtete Infrastruktur (Radwege, aber auch Ampelschaltungen und die gängige Verkehrsführung) als auch die fehlende Regeltreue der motorisierten Verkehrsteilnehmer und die damit zusammenhängenden Gefährdungen der Radfahrenden.

Ratio

Was sagt der gesunde Menschenverstand? Kann man aggressiv Fahrradfahren ohne suizidale Absichten? Fakt ist: Es geht rau zu auf den Straßen und längst ist ein Verteilungskampf um die endliche Ressource Verkehrsraum im Gange – momentan kann man klar sagen, dass der motorisierte Individualverkehr bezogen auf seine Verkehrsleistung die meiste Fläche verbraucht und gleichzeitig auch die höchsten Kosten pro gefahrenem Kilometer aufweist. Einige Städte verteilen den Raum neu, aber sehr viele verfahren auch heute noch frei nach Matthäus: Wer hat dem wird gegeben.

Aber zurück zum Thema: Verhalten sich Radfahrer weniger regeltreu als andere Verkehrsteilnehmer? Sicherlich viele Radfahrer argumentieren ab hier mit der besseren Übersicht, die ein Fahrrad in der Regel bietet und auch ich selbst konnte manchen Unfall vermeiden, weil ich auf dem Fahrrad früher und vor allem mehr sehen und erahnen konnte als im Auto. Gerne wird auch das geringere Gefahrenpotential, welches von einem Fahrrad ausgeht als Rechtfertigung für Regelübertretungen im Rahmen der Straßenverkehrsordnung herangezogen  – aber auch diese Argumentation geht am Ziel vorbei und wird jemanden, der den Straßenverkehr hauptsächlich durch die Windschutzscheibe wahrnimmt, kaum darin beeinflussen welche der oben genannten Blickwinkel wirklich zutrifft.

Recherchiert man im Netz, stößt man auf eine Großkontrolle der Polizei Hamburg, deren Ergebnisse im Stern dargestellt wurden. Eine Großkontrolle im Hamburger Stadtgebiet ergab am 21.11.2017 folgende Verteilung bei Rotlichtverstößen[4]:

  • 226 Rotlichtverstöße auf Seiten des MIV (Motorisierter Individualverkehr)
  • 22 Rotlichtverstöße auf Seiten der Fahrradfahrenden

Sind Radfahrende also zehnmal regeltreuer als Pkw-Fahrende, bzw. der motorisierte Individualverkehr (MIV)? Der Stern überschreibt: Bei Rot über die Ampel? Das ist keine Spezialität von Kampfradlern? [4] So einfach ist es nicht. Für eine derartige Aussage müsste man zusätzlich eine Information über die Zusammensetzung des in Hamburg kontrollierten Verkehrsgeschehens haben. Rein wissenschaftlich kann man also auf Basis der obigen Zahlen erst einmal keine Aussage treffen – aber man kann weitere Zahlen hinzuziehen um die Verteilung der Rotlichtverstöße einzuordnen. Der Studie Mobilität in Deutschland[5] lassen sich genaue Daten zu Verkehrsaufkommen und Verkehrsleistung im Hamburger Verkehrsverbund entnehmen. Der Modal Split der Radfahrenden (meint: Anteil der Wege, die mit dem Fahrrad zurückgelegt werden) liegt im HVV bei 14,3 % (Pkw: 33,3 %). Bei der Verkehrsleistung, also der Verteilung der zurückgelegten Personenkilometer, liegen die Zahlen etwas anders, da weitere Strecken doch häufiger mit motorisierten Fahrzeugen zurückgelegt werden (Fahrrad: 4,2 %, MIV: 44,6 %). Auf Basis dieser Daten sind also noch zwei Lesarten möglich:

  • Hätte die Hamburger Polizei eine sehr engmaschige Kontrolle durchgeführt, hätten sich Radfahrende und MIV vergleichbar regeltreu verhalten (ca. 10-fache Verkehrsleistung des MIV, aber auch 10-fach mehr Rotlichtverstöße)
  • Bei Durchführung der Kontrolle an einigen Hot Spots, könnte man ableiten, dass die Radfahrerenden sich 4 bis 5-mal weniger Rotlichtverstöße als der MIV je Fahrt „leisten“.

Fazit

Die Lesarten stellen die extremen, aber zulässigen, Interpretationen der Großkontrolle dar – aber eines kann man sehr gut sehen: Selbst in Ihrer angeblich ureigenen Domäne – dem Rotlichtverstoß –  liegen Hamburger Radfahrende maximal gleichauf mit dem MIV. Es wäre eine Ehrensache, dass wenigstens Funktionsträger diese Tatsache einsehen und nicht weiter Diffamierung von Radfahrenden betreiben würden. Wünschenswert wäre eine Rehabilitierung des Begriffes oder eine neutrale,  positivere Bezeichnung von Kampfradlern entsprechend dem was sie wirklich tun – selbstbewusst Fahrrad fahren.

Quellen (abgerufen am 17.04.2020)

 

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.